Kühlungsborn weiterdenken
Es gibt Themen, die lassen sich wunderbar in drei Sätzen erklären. Und es gibt Themen, bei denen genau das nicht funktioniert.
Die Sorgende Gemeinschaft gehört für mich zur zweiten Kategorie.
Eigentlich klingt die Idee ganz einfach: Menschen sollen auch dann gut in ihrem vertrauten Umfeld leben können, wenn sie älter werden, Unterstützung brauchen oder pflegebedürftig sind. Dafür braucht es professionelle Versorgung – aber eben nicht nur. Es braucht Nachbarschaft, Begegnung, Beratung, Prävention, Ehrenamt, digitale Teilhabe und Menschen, die wissen, wo sie Unterstützung finden.
Doch wie wird daraus ein funktionierendes Ganzes?
Lernen von denen, die schon unterwegs sind
Genau deshalb hatte ich am 3. September Torsten Anstädt zu den 3 Möwen eingeladen. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Olivia Arndt, Amtsleiterin Stefanie Zielinski und weiteren Akteuren aus Stadtpolitik und Zivilgesellschaft haben wir uns einen Nachmittag Zeit genommen, um über diese Frage nachzudenken.
Torsten beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Entwicklung von Pflege- und Versorgungsquartieren und begleitet Politik und Kommunen auf diesem Weg. In seinem Impuls nahm er uns mit zu Orten, an denen bereits erprobt wird, wie Versorgung neu und vor allem gemeinsam gedacht werden kann.
Ein Gedanke ist mir dabei besonders wichtig: Es geht nicht immer darum, noch ein neues Projekt zu erfinden. Oft ist es entscheidender, Vorhandenes miteinander zu verbinden, Lücken zu erkennen und Verantwortung gemeinsam zu organisieren.
Denn die Herausforderungen sind längst da: demografischer Wandel, fehlende Fachkräfte, Einsamkeit und ein steigender Unterstützungs- und Pflegebedarf.
Gute Quartiersstrukturen können darauf Antworten geben. Sie können dazu beitragen, dass Menschen länger selbstständig leben, Angehörige entlastet und professionelle Angebote sinnvoll ergänzt werden.
Und es gibt noch eine Frage, die wir nicht ausblenden sollten: Was kostet es uns, wenn wir solche Strukturen nicht rechtzeitig entwickeln?
Wenn Unterstützung erst beginnt, wenn Menschen bereits umfassend auf Hilfe angewiesen sind, entstehen nicht nur persönliche Belastungen. Auch die sozialen Kosten steigen – und erreichen über Sozialausgaben und Kreisumlage letztlich auch die kommunalen Haushalte. Prävention, Nachbarschaft, Teilhabe und frühzeitige Unterstützung sind deshalb für mich keine „weichen“ Themen. Sie gehören zu einer vorausschauenden kommunalen Daseinsvorsorge.
Und was bedeutet das für Kühlungsborn?
Nach Torstens Impuls haben wir genau darüber gesprochen.
Was davon passt zu unserer Stadt? Was haben wir bereits? Wo gibt es Lücken? Welche Verantwortung kann und sollte die Kommune übernehmen? Welche Rolle spielen professionelle Akteure? Und was können Vereine, Initiativen, Nachbarschaften und engagierte Bürgerinnen und Bürger beitragen?
Dabei wurde mir erneut bewusst: Es ist gar nicht so leicht, eine Sorgende Gemeinschaft greifbar zu machen.
Denn sie ist kein einzelnes Projekt. Sie ist kein Gebäude, keine Beratungsstelle und kein Förderprogramm. Sie entsteht aus vielen Dingen, die ineinandergreifen – und vor allem aus Menschen und Organisationen, die bereit sind, Verantwortung miteinander zu teilen.
Ist unser Blumenstrauß zu groß?
Ein Impuls von Torsten hat mich besonders beschäftigt. Sein Blick auf die 3 Möwen: Vielleicht ist euer Blumenstrauß zu groß.
Digitale Teilhabe, Nachbarschaftshilfe, unsere Quartiersplattform, Kühlungsborn liest, Verein(t) für Kühlungsborn und weitere Aktivitäten – auf den ersten Blick sind das tatsächlich sehr unterschiedliche Themen.
Auf den zweiten Blick haben sie für mich einen gemeinsamen Kern.
Eine Sorgende Gemeinschaft beginnt nicht erst dort, wo jemand pflegebedürftig wird. Sie beginnt viel früher: wenn Menschen sich begegnen, miteinander ins Gespräch kommen und Vertrauen aufbauen. Wenn Nachbarn einander unterstützen. Wenn digitale Lösungen helfen, Informationen und Angebote zu finden und teilzuhaben. Wenn Vereine voneinander wissen und miteinander arbeiten. Und wenn gemeinsame Erlebnisse das Gefühl stärken: Ich gehöre dazu.
Deshalb gehören für mich Kultur und Begegnung genauso dazu wie digitale Teilhabe, Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe. Nicht jedes Angebot muss unmittelbar mit Pflege oder Versorgung zu tun haben. Aber jedes kann dazu beitragen, Beziehungen und Strukturen entstehen zu lassen, die tragen – im Alltag und besonders dann, wenn Unterstützung gebraucht wird.
Vielleicht ist unser Blumenstrauß also tatsächlich groß. Torstens Impuls nehmen wir mit. Denn möglicherweise müssen wir nicht weniger Blumen pflücken, sondern noch klarer zeigen, was sie miteinander verbindet.
Keine fertige Antwort. Aber ein Anfang.
Nach drei Stunden hatten wir keinen fertigen Plan für Kühlungsborn auf dem Tisch. Das hatte ich auch nicht erwartet.
Aber wir hatten gute Beispiele im Kopf, neue Fragen, erste Ansätze – und ein besseres Verständnis dafür, worüber wir eigentlich sprechen.
Für mich war es deshalb ein guter Nachmittag. Einer mit Erkenntnisgewinn, Diskussion und auch Nachdenklichkeit.
Und mit einer Frage, die bleibt:
Wie schaffen wir es gemeinsam, dass Kühlungsborn nicht nur ein guter Ort zum Altwerden ist – sondern ein Ort, an dem wir füreinander da sind, wenn es darauf ankommt?
Beste Grüße Jörg Wolter