Manchmal beginnt ein besonderer Abend mit einer Zigarette und dem Blick aufs Meer.
Es ist kurz vor 17 Uhr.
Vor der Kunsthalle sitzt eine Frau auf einem Tisch. Eine Zigarette in der Hand. Der Blick geht hinaus auf die Ostsee.
Katja Lange-Müller.
Bis zu diesem Moment kenne ich sie nur von Fotos und aus ihren Texten. Dann die ersten Sätze. Berliner Schnauze. Direkt. Herzlich. Ohne jede Pose, ohne Filter. Nach wenigen Minuten fühlt es sich an, als würden wir uns seit Jahren kennen.
Kurz darauf treffen Michael G. Fritz und Matthias Politycki ein. Greta ist bereits da. Unsere junge Rednerin wirkt konzentriert. Die vier ziehen sich zu einer letzten Vorbesprechung zurück. Nur Marko Martin fehlt noch. Die Bahn hat – wie so oft – ihre eigenen Pläne. Wenig später ist auch er da.
Das Podium ist vollständig.
Langsam füllt sich die Kunsthalle. Manche Gäste haben ihre Karten schon Tage zuvor gekauft, andere kommen spontan. Menschen aus Kühlungsborn und der Region. Schülerinnen und Schüler. Ältere Stammgäste. Dazwischen viele, die einfach neugierig sind.
Im Hintergrund erklingt die einfühlsame Klaviermusik von Isabella Brachertz. An den Wänden die Ausstellung „ANTONIUS – 200 Jahre Fotografie“.
Ich frage mich:
Wie wird Kühlungsborn auf dieses Format reagieren?
Matthias Politycki, Präsident des PEN Deutschland, eröffnet den Abend und erklärt die einfachen Spielregeln: Vier Menschen. Vier Themen. Jeweils fünf Minuten. Das, was sie gerade wirklich bewegt.
Michael G. Fritz beginnt.
Er spricht über Meinungsfreiheit – und vor allem über das Zuhören. Darüber, dass Demokratie nicht nur davon lebt, seine eigene Meinung zu äußern, sondern bereit zu sein, der Meinung des anderen zuzuhören.
Dann übernimmt Katja Lange-Müller.
Sie spricht über Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und Drogen. Für manche im Saal wirken diese Themen weit entfernt, beinahe wie aus einer anderen Welt. Für mich, der viele Jahre in Berlin und Hamburg gelebt hat, sind ihre Bilder erschreckend vertraut. Sie bleibt nicht bei der Beschreibung stehen, sondern bringt konkrete Gedanken mit – etwa die Idee, Mieterinnen und Mietern mehr Freiheit zu geben, Wohnraum unterzuvermieten und so dem Mangel entgegenzuwirken.
Marko Martin spricht frei – eindringlich.
Er nimmt uns mit zu seinen ukrainischen Freunden. Seine Botschaft ist klar: Krieg ist nicht gleich Krieg. Ein Verteidigungskrieg ist etwas anderes als ein Angriffskrieg. Es sind persönliche Erfahrungen, keine abstrakten politischen Thesen.
Dann kommt Greta.
Eine Schülerin der 11. Klasse aus Kühlungsborn.
Auf diesen Moment haben Katja, Doreen, Martin und ich sie gemeinsam mit vier weiteren jungen Frauen während einer intensiven Workshopwoche vorbereitet.
Greta beginnt mit einem Satz, der den ganzen Saal aufhorchen lässt:
„Ich hasse Männer …“
Eine Sekunde Stille.
Dann entfaltet sich eine kluge, mutige Rede – nicht gegen Männer, sondern für ein besseres Miteinander. Eine Rede über Verantwortung. Über Respekt. Über den Mut, hinzuschauen, die eigene Meinung auszusprechen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.
Ich könnte mir keinen besseren Auftakt einer Diskussion vorstellen.
In den folgenden 90 Minuten wird diskutiert.
Konzentriert. Ernsthaft. Mit Respekt.
Nicht nur auf dem Podium.
Auch das Publikum – Menschen zwischen elf und über achtzig Jahren – beteiligt sich. Es zeigt sich einmal mehr: Neben den großen gesellschaftlichen Fragen beschäftigen uns auch die ganz konkreten Themen vor unserer Haustür. Einsamkeit. Orte der Begegnung. Räume für Jugendliche. Das Zusammenleben in unserer Stadt.
Der Abend macht Mut.
Nicht, weil am Ende alle einer Meinung sind.
Sondern weil sichtbar wird, dass Dialog möglich ist. Dass wir einander nicht immer verstehen müssen, um einander zuzuhören. Dass ein offener Blick oft der erste Schritt zu gegenseitigem Verständnis ist.
Nach dem offiziellen Ende wollen Gedanken Raum finden.
Überall entstehen kleine Gesprächsgruppen. Menschen diskutieren weiter. Lachen. Widersprechen sich. Lernen sich kennen.
Einige treten noch vor unsere Kamera und beantworten dieselbe Frage, mit der der Abend begonnen hat:
„Was ist (dir) wirklich wichtig?“
Sechs Stunden später sitze ich wieder mit Katja Lange-Müller vor der Kunsthalle. Alle Gäste sind bereits gegangen.
Die Ostsee ist inzwischen ruhig geworden.
Wir schauen schweigend aufs Wasser.
Dann sagt sie lächelnd:
„Schön habt ihr's.“
Mehr muss man über diesen Abend eigentlich nicht sagen. Oder vielleicht doch den einen Gedanken. Lasst uns zuhören und Sorge tragen, damit alle Menschen in Kühlungsborn sagen können „Schön haben wir’s“.
Mein herzlicher Dank gilt allen, die diesen besonderen Abend möglich gemacht haben – Olivia Arndt und Marianna Just für ihre Unterstützung und ihr Kommen, Franz Norbert Kröger einmal mehr für seine wunderbare Gastfreundschaft, unseren Autorinnen und Autoren, Greta und den weiteren jungen Rednerinnen sowie den vielen Helferinnen und Helfern hinter den Kulissen.
Es gibt Begegnungen, die einen Abend prägen. Und es gibt Freundschaften, die ihn überhaupt erst möglich machen. Danke, lieber Matthias, für deine Worte, deine Freundschaft und dafür, dass du frei&geist nach Kühlungsborn gebracht hast.
Beste Grüße euer Jörg Wolter


